Werkstattschau: Vom Signal zur Zerstörung

Unsere SAR-Analyse zu den Kriegsschäden in Teheran und Libanon

Fast sechs Wochen lang führten Israel und die USA im Frühjahr 2026 Krieg gegen Iran. Über 700 Angriffe trafen allein die Hauptstadt Teheran, in der sich die militärische und politische Führung des Landes konzentriert. Die Ziele reichten von militärischen Einrichtungen über Nuklear-, Forschungs- und Industrieanlagen bis hin zu Öl- und Gasfeldern, Logistikzentren und Häfen. Für Journalisten war der Zugang in dieser Zeit praktisch unmöglich. Was blieb, waren Recherchen aus dem All.

In diesem Kontext entwickelten wir bei Vertical 52 eine Analyse der potenziellen Zerstörung in der iranischen Hauptstadt – auf Basis von Radardaten des europäischen Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-1. Unsere Auswertung stellten wir der Süddeutschen Zeitung zur Verfügung, die sie mit Daten des US-amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) zusammenführte. Die ISW-Daten basieren auf gemeldeten Angriffen, geprüften Augenzeugenvideos und Berichten und zeigen seit dem 28. Februar Luftschläge in ganz Iran. Auch die Neue Zürcher Zeitung griff für ihre Recherche auf unsere Auswertung zurück.

Unsere Methode beruht auf der sogenannten SAR-Kohärenz: einem Maß dafür, wie stabil die empfangene Phase zwischen zwei SAR-Aufnahmen desselben Gebiets zu unterschiedlichen Zeitpunkten bleibt. Anders als der klassische Backscatter, der vor allem die Amplitude bzw. Intensität des reflektierten Radarsignals erfasst, bewertet die Kohärenz die Phasenstabilität – also, wie ähnlich die Mikrostruktur einer Oberfläche zwischen zwei Aufnahmen ist. Intakte Gebäude und stabile urbane Strukturen liefern über die Zeit konsistente Phasenmuster – die Kohärenz bleibt hoch. Schon kleine Änderungen der Oberflächenstruktur – etwa durch Zerstörung, Verschiebung oder Trümmerablagerung – verursachen Phasenänderungen; die Signale verlieren ihre Kohärenz zwischen den beiden Zeitpunkten. Diesen Effekt nutzen wir mit dem LT-CCD-Ansatz (Long-Term Coherence Change Detection): Statt einzelne Bildpaare zu vergleichen, errechnen wir zunächst aus mehreren Aufnahmen vor dem Ereignis einen stabilen Referenzzustand. Alles, was danach signifikant und ungewöhnlich abweicht, markieren wir als potenziellen Schadensindikator. Für Teheran setzten wir das Referenzdatum rund ein Jahr vor Beginn der Angriffe; aus 25 kohärenten Bildpaaren bildeten wir eine Baseline, die die typische Dynamik des Stadtgebiets beschreibt. Unsere Zerstörungsanalyse umfasste dann mehrere Zeitschritte zwischen dem 28. Februar und dem 8. April – und machte so nicht nur das Ausmaß, sondern auch die zeitliche Abfolge sichtbar. Auf unseren Karten weisen größere Kreise auf besonders großflächige Zerstörung hin.

Welche Art von Zielen Israel und die USA in diesen Wochen vor allem trafen, lässt sich aus der gemeinsamen Auswertung von ISW-Daten und unserer Radaranalyse ablesen: Im Zentrum der Angriffe in Teheran standen militärische Ziele, Einrichtungen des Sicherheitsapparats sowie zivile und politische Einrichtungen. Wie bereits im Zwölftagekrieg im Juni 2025 zielten beide Streitkräfte zudem auf das iranische Atomprogramm – und zwar nicht nur auf Urananreicherungsanlagen, sondern auch auf Forschungszentren und die Forscher selbst. Sowohl die Scharif- als auch die Schahid-Behesti-Universität, die für das Atomprogramm der Islamischen Republik forschen, stehen auf der Sanktionsliste der EU.

Methodik im Vergleich: Vertical 52 & Corey Scher vs. Bellingcat

Parallel zu unserer Analyse legten der Forscher Corey Scher und die Investigativplattform Bellingcat eigene Auswertungen der Schäden in Teheran vor – ebenfalls auf Basis von SAR-Daten, allerdings mit unterschiedlichen methodischen Schwerpunkten. Allen drei Ansätzen gemeinsam ist der radarbasierte Ausgangspunkt: Sie arbeiten unabhängig von Lichtverhältnissen und Bewölkung – wo optische Sensoren bei Wolken oder Dunkelheit blind bleiben, liefern SAR-Satelliten weiter Daten. Methodisch unterscheiden sich die Ansätze jedoch deutlich. Schers Vorgehen ist unserem sehr ähnlich: Auch er arbeitet mit Kohärenzanalysen; die Unterschiede liegen vor allem in der Interpretation der Ergebnisse, in den verwendeten Schwellenwerten sowie in der Auswahl der Baseline- und Vergleichsbilder. Bellingcat stützt sich dagegen stärker auf SAR-Backscatter und misst damit Veränderungen in der Amplitude des reflektierten Signals statt in seiner Phasenstabilität.

Daraus ergeben sich unterschiedliche Stärken: Backscatter-Analysen reagieren empfindlich auf große, energiereiche Streuänderungen – etwa freigelegte Trümmerflächen oder Krater – und liefern dort besonders klare Signale. Kohärenzanalysen erfassen auch subtilere Veränderungen der Oberflächenstruktur, sind dafür aber empfindlicher gegenüber Vegetation, Witterung und temporären Effekten. Unabhängig vom konkreten SAR-Verfahren gilt: Wir liefern keine Bilder von zerstörten Gebäuden, sondern statistische Anomalien im Radarsignal – Indikatoren, keine Beweise. Diesen Unterschied verstehen wir nicht als Schwäche, sondern als methodische Eigenschaft, die eine andere Art von Aussage ermöglicht: nicht das einzelne dokumentierte Einschlagsbild, sondern das räumliche Muster über ein gesamtes Stadtgebiet. In Kombination mit hochauflösenden optischen Satellitendaten und OSINT-Verifikation entsteht so ein belastbareres Gesamtbild, als es jede Methode allein liefern könnte.

Libanon: dieselbe Methode, angepasste Parameter

Für unsere Analyse der Zerstörungen im Südlibanon, die wir im Auftrag der Süddeutschen Zeitung durchführten, setzten wir denselben LT-CCD-Workflow ein – mit einer zentralen Anpassung. In Teheran legten wir das Referenzdatum rund ein Jahr vor die Angriffe, weil für diesen Zeitraum kein relevanter Vorschaden bekannt war. Im Libanon hingegen kam es bereits vor dem 28. Februar zu Beschussereignissen. Ein weit zurückliegendes Referenzdatum hätte diese frühen Schäden als „normalen" Zustand eingestuft und damit aus der Analyse ausgeklammert. Stattdessen wählten wir den 18. Februar als Baseline-Datum – zehn Tage vor Kriegsbeginn und damit den letzten Zeitpunkt unmittelbar vor der dokumentierten Eskalation. Von diesem Ausgangspunkt aus bildeten wir 25 kohärente Bildpaare; unsere Zerstörungsanalyse erstreckte sich dann über den Zeitraum vom 28. Februar bis zum 25. April.

Technisch folgten wir dem etablierten Workflow: Wir berechneten zunächst die Baseline-Kohärenz, glichen sie anschließend mit den Post-Event-Aufnahmen ab und identifizierten signifikante Kohärenzverluste als potenzielle Schadensindikatoren. Im Anschluss führten wir eine statistische Schwellenwertanalyse durch, erzeugten daraus Damage-Proxy-Layer und vektorisierten die Ergebnisse, um sie kartografisch nutzbar zu machen. Auch für den Zeitraum der Angriffe legten wir mehrere Analysen desselben Gebiets übereinander – so minimieren wir das Risiko, temporäre Veränderungen wie Schattenwurf, Vegetation oder Bauarbeiten fälschlich als Schaden auszulegen.

Die zeitliche Auflösung unserer Analyse macht die Dynamik der Eskalation sichtbar: Verglichen mit dem 18. Februar kommen bis zum 14. März noch vergleichsweise wenige Schadensindikatoren hinzu – die Radarsignale zeigen nur wenige auffällige Punkte an der östlichen Landesgrenze. Danach nehmen die Schäden erheblich zu. Am 13. April, einen Monat später, sind auch Dutzende Orte im Landesinneren und in der Küstenregion betroffen; bis Ende April wachsen die Cluster südlich des Litani-Flusses weiter an. Damit deckt sich das räumliche Muster unserer Auswertung mit dem militärischen Vorgehen, das die SZ in ihrem Beitrag beschreibt: Israel führt nicht nur Luftangriffe, sondern operiert auch mit Bodentruppen im Land und hat eine etwa zehn Kilometer breite Zone an der Grenze ausgerufen, in der sich nach Vorgabe der Israel Defense Forces (IDF) niemand mehr aufhalten soll. Die IDF nennen sie „Forward Defense Line"; mehrfach hat die israelische Regierung zudem davon gesprochen, das gesamte Gebiet südlich des Litani kontrollieren zu wollen.

Hintergrund dieser Operation ist laut SZ-Recherche der Wunsch, die Angriffe der Hisbollah-Miliz endgültig zu unterbinden. Nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 mit über 1.200 Toten positionierte sich die Hisbollah als Verbündete der Hamas und schoss Raketen auf den Norden Israels. Nach den Angriffen Israels und der USA auf Iran stellte sich die von Teheran finanzierte Miliz – die unter anderem Deutschland und die USA als Terrorgruppe einstufen – auf die Seite des iranischen Regimes und verstärkte ihre Angriffe. Für unsere Karten ist dieser Kontext wesentlich: Sie zeigen keine isolierten Einzeltreffer, sondern ein flächiges, sich ausbreitendes Schadensmuster, das die Geografie einer militärischen Strategie nachzeichnet.

In Kombination mit den Daten des Institute for the Study of War (ISW), die aus Augenzeugenberichten, gemeldeten Vorfällen sowie der Analyse von Foto- und Videomaterial vor Ort entstehen, sowie der eigenen OSINT-Recherche und einem Besuch der SZ-Redaktion vor Ort entsteht so ein Gesamtbild des Konflikts. Nach Angaben der libanesischen Behörden zerstörte die israelische Armee bisher über 62.000 Wohneinheiten im Süden Libanons und in den südlichen Vororten Beiruts, davon rund 21.700 vollständig.